Sucht – macht Sonne süchtig?

Behauptung:

Die UV-Strahlen der Sonne machen süchtig. „Sonnen-Sucht“ oder „Bräunungs-Sucht“ (Tanorexia) bezeichnen einige Wissenschaftler die Gefahr der Sonnenbadende am Strand und auf der Sonnenbank ausgesetzt sind. Das Verhalten dieser Menschen sei vergleichbar mit dem von Trinkern und Rauchern. Und die Medien werden nicht müde, das ohne Überprüfung nachzuplappern.


fvs-6_faulenzen_b-jpg-82e0f672Tatsache: Sonne kann süchtig machen

Was einer gern tut, das tut er immer wieder! Diese nicht ganz taufrische Einsicht wird schon seit einiger Zeit als Vorwurf gegen den Wohlfühleffekt beim Sonnen im Freien und auf der Sonnenbank gerichtet.

Ähnlich wie das Monster von Loch Ness taucht dieses Thema jedes Jahr im Frühjahr, wenn die Sonne höher klettert, wieder auf. Die erste Studie dazu datiert von 2004. Seither kommt jedes Jahr eine neue dazu. Das Kind hat sogar damals einen Namen bekommen: Tanorexia, vom Englischen “to tan”, bräunen.

Was aber steckt wirklich hinter den tatsächlich ganz interessanten Ergebnissen:
Die Sonnenstrahlen haben – das ist ja nicht überraschend – eine vitalisierende und stimmungsaufhellende Wirkung. Diese Wirkung kommt auf zwei Wegen zustande. Verkürzt gesagt:

  1. durch das sichtbare Licht, das die Produktion des “Glückshormons” Serotonin und von Endorphinen im Hirn stimuliert und die Menschen heiterer werden lässt – „hallo Frühling“!
  2. durch das UV-B-Licht, das über die Haut das lebenswichtige Vitamin D im Körper aus Cholesterol herstellt. Vitamin D in seiner aktiven Form hat seinerseits erhebliche Auswirkungen auf die Hirnfunktionen und auf die Serotonin-Stimulierung.

Das Thema ist populär, die wissenschaftlichen Methoden bestenfalls „explorativ“. Die Lust auf Schokolade mit ähnlichen Auslösern (Endorphine, „Glückshormone“) und ähnlichen Folgen hat es im Gegensatz zur „Sonnensucht“/Tanorexia noch nicht zu einem eigenen wissenschaftlichen Namen gebracht. Vorschlag: Schokolexia

Lust auf Sonne = Sucht?

Richard Wagner von der University of Texas Medical Branch in Galveston und seine Kollegen legten 145 Strandbesuchern kurze Fragebögen vor, die zwei Standardtests auf Abhängigkeit von Alkohol bzw. von Drogen im Allgemeinen entlehnt waren. Die arglosen Teilnehmer wurden etwa gefragt, ob sie sich schon einmal vorgenommen hätten, weniger Zeit in der Sonne zu verbringen.
Laut dem leicht veränderten Alkoholismus-Test erwiesen sich 38 Befragte (26 Prozent) als „abhängig“.

Schon lange gibt es Hinweise darauf, dass das Sonnen die Produktion von Endorphinen – körpereigenen „Glückshormonen“ – in der Hirnanhangsdrüse stimuliert. Jeder „Lustgewinn“ hat natürlich die Tendenz, Wiederholung erstrebenswert zu machen. Das ist bei Schokolade und Sex nicht anders. Das Ausstoßen von Glückshormonen dient immer dem Erhalt der Art – sofern man nicht übertreibt!

Allerdings steckt in der Sonnen- und Bräunungs-Sucht durchaus mehr, als es auf den ersten Blick erscheint: Die Natur selbst befiehlt uns auf diesem Wege, unser bedrohliches Vitamin D-Defizit am Ende des Winters durch die UV-Strahlen der Sonne oder im Sonnenstudio auszugleichen.

Diese Erkenntnis dämmerte auch den „Erfindern“ der „Tanorexia“ nach einiger Zeit. In einer Studie mit chronischen Schmerzpatienten, die erfolgreich mit dem Sonnenschein-Vitamin D behandelt worden waren, zeigten sich die gleichen „Symptome“ wie bei den Jugendlichen am Strand. Sonnensucht hieß hier: Die Sucht nach Schmerzfreiheit.

UV-„Sucht“ bei Schmerzbekämpfung

Das Sonnen-Hormon, das über einen komplizierten Prozess im Körper durch die Sonnenstrahlen (UV-B) produziert wird, unterstützt nachweislich die Schmerzbekämpfung und besonders den chronischen Schmerz (z.B. Fibromyalgie). Auch diese Wirkung führt natürlich bei den unter Schmerzen Leidenden dazu, die hilfreichen Sonnenstrahlen immer wieder zu suchen.

Mit diesem „Suchtverhalten“ erklären sich die Autoren dann auch die angeblich geringe Wirkung von Aufklärungskampagnen über die Gefahren des Sonnens.

Labor-Tests bestätigen: Sucht-Symptome

Eine Labor-Studie schließlich mit ganzen 16 Teilnehmern wird sogar zum Medienereignis hochstilisiert: Suchtsymptome bei den Probanden mit Dauer-Besonnung im Solarium. Der Schuldige war ohnehin schon dringend verdächtig gewesen, nun ist er überführt: Endorphine auch „Glückshormone“ genannt. Ähnlich wie beim Schokoladengenuss werden auch beim Sonnen „Glückshormone“ ausgeschüttet und „verführen“ Glücksuchende, sich immer mal wieder auf die Sonnenbank zu legen – und/oder Schokolade zu essen.

Also: Sonne macht glücklich. Und da der Mensch nun mal süchtig ist nach Glücksgefühlen, liebt er die Sonne – gelegentlich auch zu sehr. Die Folge Sonnenbrand sollte definitiv vermieden werden – ansonsten sieht die SonnenAllianz keinen Grund dafür, das Suchtpotenzial der Sonne besonders hervorzuheben.

Studien (Beispiele):

Sarah Zeller et al.; Do adolescent indoor tanners exhibit dependency?, Journal of the American Academy of Dermatology, Volume 54, Issue 4, April 2006, Pages 589-596

Mandeep Kaur et al.; Plasma ß-endorphin levels in frequent and infrequent tanners before and after ultraviolet and non-ultraviolet stimuli, Journal of the American Academy of Dermatology, 54/5 , Mai 2006, 919-920

Molly M. Warthan, Tstuo Uchida und Richard F. Wagner, UV Light Tanning as a Type of Substance-Related Disorder, Archives of Dermatology, 141/8, 963-6

Kommentar:
Are Adolescents Addicted to Tanning? American Academy of Pediatrics Grand Rounds 16:19 (2006)

Bericht im Deutschen Ärzteblatt