Gedichte

Gegenwart

Alles kündet dich an!

Erscheinet die herrliche Sonne,

Folgst du, so hoff ich es, bald.

 

Trittst du im Garten hervor,

So bist du die Rose der Rosen,

Lilie der Lilien zugleich.

 

Wenn du im Tanze dich regst,

So regen sich alle Gestirne

Mit dir und um dich umher.

 

Nacht! und so wär es denn Nacht!

Nun überscheinst du des Mondes

Lieblichen, ladenden Glanz.

 

Ladend und lieblich bist du,

Und Blumen, Mond und Gestirne

Huldigen, Sonne, nur dir.

 

Sonne! so sei du auch mir

Die Schöpferin herrlicher Tage;

Leben und Ewigkeit ist‘s.

Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832

 

Helios

Wahrlich, ein mühvoll Amt muss Helios täglich verwalten;

Auch kein einziges Mal ist ja den Rossen und ihm

 

Innezuhalten vergönnt, sobald zur Höhe des Himmels

Aus des Okeanos Flut Eos, die rosige, stieg.

 

Aber ihn trägt bei Nacht durch die Woge

das wonnige Lager, Das aus lauterem Gold künstlich Hephästos gewölbt;

 

Über den Spiegel des Meers auf eilenden Fittichen schwebend

Trägt es den Schlummernden sanft fort von Hesperiens Strand

 

Zum Äthiopengestad, wo sein das Gespann mit dem Wagen

Harrt, bis wieder des Tags dämmernde Frühe sich naht.

Mimnermos, um 600 v. Chr