Kinder und Jugendliche

Kind beim SonnenKinder, Jugendliche und die Sonne – das sollte eigentlich ein heiteres Thema sein. Ist es aber nicht! Bei kaum einem anderen Thema tun sich so viele Widersprüche und Missverständnisse auf, wie hier.

Wenn es um die ausreichende Versorgung mit Vitamin D geht, gehören ausgerechnet die Jugendlichen zu den Problemgruppen – im Gegensatz zu den Behauptungen der Sonnen- und Solarien-Warner.

Dabei ist der Aufenthalt an der Sonne und die Vitamin D-Versorgung gerade im Kindesalter von besonderer Bedeutung. Hier werden gesundheitliche Weichen bis ins Alter hinein gestellt.

Gleichzeitig aber ist der “Sonnen-Missbrauch” bei den Jugendlichen besonders krass, liegt die Zahl der Sonnenbrände unverhältnismäßig hoch.

Sonnenmangel und Sonnenmissbrauch – hier finden Sie hilfreiche Informationen für die rechte Balance.

Simple Warnungen verfehlen das Ziel

Richtig ist: Die Haut von Kindern und Jugendlichen bis zum Ende der Pubertät ist empfindlicher gegen Sonneneinstrahlung als die Haut Erwachsener. Vorsicht ist also geboten. Ein Übermaß gerade in jungen Jahren erhöht das Hautkrebsrisiko – auch das Risiko einer Melanom-Erkrankung.

Falsch dagegen die Behauptung, Jugendliche erhielten bereits bis zu ihrem 18. Lebensjahr 80 Prozent der gesamten Lebensdosis an Sonnen- bzw. UV-Strahlung. Der Wahrheit kommen Studien näher, die den Anteil heute bei 20-25 Prozent beziffern (s.u. Godard) – und dieser Anteil schrumpft ständig mit der sich ändernden Lebensweise Jugendlicher heute.

Die Konsequenz aus dieser Desinformation ist auf doppelte Weise fatal:

Jugend raus aus der Sonne” – ein nicht ungefährlicher Unsinn. Ein “zu viel” an Sonne für Jugendliche gibt es nicht, wenn es um die Vitamin D-Versorgung geht. Tatsächlich ist das Problem ein ganz anderes:
Jugendliche in westlichen Ländern kriegen im Alltag zu wenig Sonne und in den Ferien zu viel!
Beides ist verderblich:

  • Zu wenig Sonne im Alltag (Rückzug auf Tätigkeiten in geschlossenen Räumen, TV, Computer/Spiele etc.) führt zu Vitamin D-Defiziten gerade in diesen Altersgruppen mit einer Fülle von problematischen Konsequenzen, (s. die Daten aus der “offiziellen” RKI-Studie). Selbst in sonnenreichen Regionen (der USA) reicht die Sonnen-Exposition Jugendlicher nicht aus für die Vitamin D-Versorgung (s.u. Godar 2012). Ausreichend Sonne aber hat, richtig dosiert, selbst beim “schwarzen” Hautkrebs eine vorbeugende Wirkung.
  • Zu viel Sonne in den Ferien: 70 Prozent der Jugendlichen (14-18 Jahre) setzten sich im Hochsommer für mindestens 3 Stunden pro Tag der prallen Sonne aus (s.u. Studie aus Belgien mit über 600 teilnehmenden Jugendlichen). Rund 60 Prozent der Befragten zogen sich dabei mindestens einen Sonnenbrand im abgelaufenen Jahr zu, 26,5 Prozent sogar zwei und mehr Sonnenbrände. Sogar Jugendliche, in deren Familien Fälle von Melanom vorkamen, zeigten sich völlig unbeeindruckt und hatten eher mehr als weniger Sonnenbrände in den Ferien. Diese “schockartige” Besonnung aber schädigt die DNA in der Haut in einem Ausmaß, das die körpereigene Immunabwehr unter Umständen nicht mehr bewältigen kann.

Wir wissen inzwischen, dass gerade die “intermittierende” Sonnen-Überexposition zum Melanom führt – nicht(!) die regelmäßige und kontrollierte Besonnung!

Kinder und Jugendliche mit der höchsten Sonnen-Bestrahlung entwickeln am seltensten ein Melanom

In einer aktuellen Studie (2013) zum Anstieg der Melanoma-Fälle bei Kindern und Jugendlichen von 0-19 Jahren in den USA mit Hautkrebsdaten aus den Jahren 1973-2009 zeigte sich eine Verringerung der jährlichen Fallzahlen (Inzidenz) nur in einer einzigen Gruppe: Der Kinder und Jugendlichen mit der höchsten UV-Exposition. Alle anderen Gruppen, auch die mit den niedrigsten UV-Werten, zeigten einen ansteigenden Melanom-Trend über diese 36 Jahre. (s.u. Wong 2013)

Damit ist das immer wieder vorgetragene Argument widerlegt: Schuld an der steigenden Melanom-Inzidenz der vergangenen 50 Jahre sei das Freizeitverhalten der Menschen mit längerem und häufigerem Aufenthalt an der Sonne oder im Solarium.

Damit ist allerdings nicht das Argument gegen den Sonnen-Missbrauch vom Tisch.

Undifferenzierte “Kassandra-Rufe” produzieren ein Paradox

Tatsächlich aber haben die polemischen Übertreibungen der Sonnenschutz-Kampagnen ein paradoxes Ergebnis:

  • Zumindest bei Jugendlichen zeigen sie so gut wie überhaupt keine Wirkung. Das unvernünftige und unverantwortliche Verhalten an der Feriensonne mit oft mehrfachen schweren Sonnenbränden wird durch diese Kampagnen so gut wie gar nicht beeinflusst – im Gegenteil wie z.B. eine australische Studie bewies (s.u.).

Wenn es also richtig ist, was Wissenschaftler an der renommierten Harvard Universität herausgefunden haben, dass nämlich die gesundheitlichen Kosten von zu wenig vernünftig angewandter Sonnenbestrahlung um das mehr als 15-fache die Kosten der Gesundheitsschäden aus unvernünftigem Verhalten an der Sonne übersteigt, wird hier genau das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich gewollt wurde: Ausreichend vernünftiges Sonnen und optimale Versorgung mit dem “Sonnenschein-Vitamin D” – auch und gerade bei Jugendlichen.

Studien über Sonnenverhalten im Kindesalter und in der Jugend und spätere Hautkrebs (Melanom)-Erkrankung kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen einschließlich einer gewissen Schutzwirkung von regelmäßigem Sonnen gegen Hautkrebserkrankungen. Lediglich beim Sonnenbrand sind sich alle Studien einig: Häufige schwere Sonnenbrände sind ein wesentlicher Auslöser für spätere Erkrankungen an “schwarzem Hautkrebs”.

Knochen und Muskeln, Infektionen, Autoimmun-Erkrankungen und Autismus – Sonne für Jugendliche unverzichtbar

Die Kinder- und Jugendärzte sollten die Eltern darauf hinweisen, wie bedeutsam die tägliche intensive Bewegung (mindestens 1 Stunde) ihrer Kinder im Freien ist. Über die Sonnenlichtexposition wird die Vitamin D-Versorgung verbessert und über die Bewegung der Aufbau der Knochenmasse zusätzlich gesteigert. Diese Effekte führen zum Aufbau einer maximalen Knochenmasse (peak-bone-mass) und damit zu einer Prävention der Osteoporose im späteren Alter.” So der Rat der Kinderärzte in den Empfehlungen Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ).

Wachstum, Stabilität der Knochen und die Muskel-Entwicklung – Defizite durch Vitamin D-Mangel in der frühen Kindheit sind später nur unzureichend auszugleichen. Die Einlagerung von Kalzium in die Knochen ist ohne das Sonnen-Hormon nicht möglich. Bei einem akuten Vitamin D-Mangel wird den Knochen sogar Kalzium entzogen, sie werden brüchig und Schmerzen sind oft die Folge.

Aber neben diesen, in Hunderten von Studien nachgewiesenen Folgen des Vitamin D-Mangels, gibt es Zusammenhänge zwischen Sonnen-Mangel, Vitamin D-Defiziten und chronischen Erkrankungen, für die bereits im Kinder- und Jugendlichen-Alter, ja teilweise bereits im Mutterleib die Weichen gestellt werden.

Einige Beispiele

Metabolische Syndrom

Das “Metabolische Syndrom” ist tatsächlich so gefährlich wie es klingt.  Es wird daher auch als “tödliches Quartett” aus Übergewicht/Fettleibigkeit, Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten und Insulinresistenz, die zu Diabetes führt.

In einer Studie mit 403 Kindern und Jugendlichen haben italienische Wissenschaftler einen deutlichen Zusammenhang von einem Mangel an Sonnenschein-Vitamin D und dem “metabolischen Syndrom festgestellt. Im Vergleich zu den Kindern mit normalen Vitamin D-Werten (27 ng/ml oder höher) hatten die Kinder mit niedrigen Werten (<17 ng/ml) ein mehr als doppelt so großes Risiko, an einem “metabolischen Syndrom” zu erkranken.

Atemwegserkrankungen

Atemwegserkrankungen, eingeschränkte Lungenfunktion und Asthma bei Kindern und Jugendlichen sind ebenfalls in zahlreichen Untersuchungen auf einen Mangel an Sonnenschein-Vitamin D zurückgeführt worden. Beispiel: Eine Gruppe von britischen Wissenschaftlern am Imperial College and King`s College in London unter Leitung von Prof. Atul Gupta bestätigt diesen Zusammenhang bei der schweren Form von Asthma, die mit Kortison kaum oder garnicht zu behandeln ist. Je höher die Vitamin D-Werte, desto weniger häufig und weniger schwerwiegend die Anfälle.

Unsere Studie zeigt eindeutig, dass niedrige Vitamin D-Werte zu schlechteren Lungenfunktionen, zunehmendem Medikamenteneinsatz, heftigeren Asthma-Symptomen und eine Zunahme der glatten Atemwegsmuskulatur bei Kindern mit schwerem Asthma führt,” so Prof. Gupta.

Grippe

Dass die Grippe (Influenza) in gehäufter Form als Epidemie immer am Ende des Vitamin D-Winters auftritt, hatte Forscher schon früh zu der Vermutung geführt, dass der Grund dafür in dem verbreitet niedrigen Vitamin D-Spiegel zu suchen sei. Für Kinder und Jugendliche bestätigte diese Vermutung eine japanische, klinische Studie.

Zwischen Dezember 2008 und März 2009 nahmen 334 japanische Schulkinder an der placebokontrollierten Doppelblindstudie teil. Täglich nahmen sie entweder 1200 Internationale Einheiten (IE) Vitamin D3 oder Placebo ein. Untersucht wurden Spuren der Influenza A in Antigen-Tests und in den Nasenschleimhäuten.

In der Vitamin D Gruppe erkrankten 10.8% der Kinder, in der Placebo-Gruppe dagegen 18.6%, also fast doppelt so viele.

Noch ausgeprägter die Wirkung bei Kindern mit Asthma. Nur 2 der Kinder in der Vitamin D-Gruppe hatten Asthma-Anfälle – gegenüber 12 Kindern in der Placebo-Gruppe.

Blutarmut (Anämie)

Sonnenmangel führt zu Vitamin D-Mangel, der wiederum die Blutarmut (Anämie) befördert. Bei einer Anämie ist die Anzahl der roten Blutkörperchen, der Anteil der Blutzellen und das Hämoglobin (Blutfarbstoff) zu niedrig. Das Blut kann den Körper nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgen. Abgeschlafftheit, Antriebs- und Lustlosigkeit sind noch die harmloseren Folgen.

Forscher der bekannten Johns Hopkins Universität konnten den Einfluss des Vitamin D-Mangels auf die Entwicklung einer Anämie bei Kindern nachweisen. Sie untersuchten 9.400 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 2 und 18 Jahren und verglichen die Vitamin D- mit den Hämoglobin-Werten. Ergebnis: Je niedriger der Vitamin D-Spiegel im Blut der Kinder desto größer die Wahrscheinlichkeit einer Anämie-Erkrankung. Kinder mit Vitamin D-Werten unter 20 ng/ml (50 nmol/l) hatten ein um 50 Prozent erhöhtes Anämie-Risiko im Vergleich zu ihren Altersgenossen mit höheren Vitamin D-Werten.

Jedes zusätzliche Nanogramm (ng/ml) an Vitamin D senkte das Erkrankungsrisiko um volle drei Prozent.

Allergien

Kinder und Jugendlichen mit einem Mangel an Sonnenschein-Vitamin D leiden wesentlich häufiger an allergischen Reaktionen auf viele Reizstoffe als Jugendliche mit normalen Vitamin D-Werten. Für Erwachsene trifft das nicht zu.

Wissenschaftler von verschiedenen Forschungsinstituten in den USA analysierten den Vitamin D-Status in Blutproben von über 3.100 Kindern und 3.400 Jugendlichen, repräsentativ für die gesamten USA. In den Blutproben der Kinder und Jugendlichen wurde die Reaktion auf 17 der am weitesten verbreiteten Allergene (Stoffe, die Allergien auslösen) getestet. Es zeigte sich, dass der Vitamin D-Spiegel im Blut der Kinder und Jugendlichen bei 11 von 17 Allergenen eine entscheidende Rolle spielte beim Auftreten allergischen Reaktionen. So trat bei Kindern mit einem Vitamin D-Wert unter 15 ng/ml (37,5 nmol/l) eine Erdnuss-Allergie 2,4 mal häufiger auf als bei Kindern mit Werten von 30 ng/ml (75 nmol/l) und mehr. Bei Eichenpollen lagen die Werte der Kinder und Jugendlichen mit Vitamin D-Mangel um fast das Fünffache über den Werten der Kinder mit normaler Vitamin D-Versorgung.

Autoimmun-Erkrankung

75 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Diabetes Typ I, einer Autoimmun-Krankheit, leiden unter einem Mangel an Vitamin D. Dies ist das Ergebnis einer Studie mit 130 Jugendlichen am Joslin Diabetes Center der Harvard Universität in Boston, USA. Darüber hinaus warnen die Forscher davor, dass der ohnehin durch die Krankheit belastete Knochenstoffwechsel bei anhaltendem Vitamin D-Defizit zu Knochenbrüchen und Osteoporose führen könnte.

Multiple Sklerose (MS)

Kinder, die sich häufiger an der Sonne aufhalten, erkranken später deutlich seltener an der tückischen Autoimmun-Erkrankung Multiple Sklerose (MS), so eine Studie an der University of Southern California, Los Angeles (USCLA). Die Forscher um Prof. Thomas M. Mack untersuchten 79 eineiige Zwillingspaare, von denen jeweils nur ein Geschwisterteil unter MS litt. Auf diese Weise konnten genetische Gründe für die unterschiedliche Anfälligkeit für MS ausgeschlossen werden.

Bei der Intensiv-Befragung der Zwillinge stellte sich heraus, dass diejenigen, die später an MS litten, als Kinder deutlich weniger oft im Freien und an der Sonne waren also ihre Zwillingsgeschwister. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass ein häufiger Aufenthalt im Freien das Risiko für MS je nach Art der Beschäftigung um 25 bis 57 Prozent verringerte. Für das Sonnenbaden errechneten die Wissenschaftler ein fast 50 Prozent niedrigeres Risiko.

Krebs

Eine Reihe von Studien sieht sogar einen Zusammenhang von ausgedehntem Aufenthalt an der Sonne während der Kindheit und der Entwicklung verschiedener Krebsarten im Erwachsenenalter (s.u. am Beispiel Prostata-Krebs.)

Studien (Beispiele):

A. C. Geller, D.R. Brooks, G.A. Colditz, H.K. Koh, A. Lindsay Frazier, Sun Protection Practices Among Offspring of Women With Personal or Family History of Skin Cancer, Pediatrics, April 2006; 117(4)

D.E. Godar, S.J. Pope, W.B. Grant WB, M.F. Holick, Solar UV doses of young Americans and vitamin D3 production, Environ Health Perspect, 2012 Jan;120(1):139-43

Godar DE, Urbach F, Gasparro FP, van der Leun JC. UV Doses of Young Adults. Photochemistry and Photobiology, 2003, 77(4): 453-457.

P.M. Livingston et al., Australian adolescents’ sun protection behavior: who are we kidding? Preventive Medicine, June 1, 2007; 44(6): 508-12

H. De Vries et al., Skin cancer prevention behaviours during summer holidays in 14 and 18-year-old Belgian adolescents, Eur J Cancer Prev. 2006 Oct;15(5):431-8.

Jeannette R. Wong, Incidence of Childhood and Adolescent Melanoma in the United States: 1973-2009, Pediatrics 2013;131, 846-854

L Pacifico et al., Low 25(OH)D3 levels are associated with total adiposity, metabolic syndrome, and hypertension in Caucasian children and adolescents, European Journal of Endocrinology, 2011, 165/603-611

Atul Gupta et al., Relationship Between Serum Vitamin D, Disease Severity and Airway Remodeling in Children with Asthma, Journal of Respiratory and Critical Care Medicine,  184, 12 (2011), 1342-1349

M. Urashima et al, Randomized trial of vitamin D supplementation to prevent seasonal influenza A in schoolchildren, Am J Clin Nutr, 2010, 91 (5), 1255-1260

M.L. Melamed et al., Vitamin D levels and food and environmental allergies in the United States: Results from the National Health and Nutrition Examination Survey 2005-2006, Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2011, 127 (5), 1195–1202

B.M. Svoren et al., Significant vitamin D deficiency in youth with type 1 diabetes mellitus, Journal of Pediatrics, Jan 2009;154(1):132-4

Thomas M. Mack et al., Childhood sun exposure influences risk of multiple sclerosis in monozygotic twins, Neurology,2007, 69 (4), 381-388

Gary G. Schwartz et al., Sun Exposure and Prostate Cancer Risk: Evidence for a Protective Effect of Early-Life Exposure, Cancer Epidemiol Biomarkers Prev, 2007, 16; 1283

Übersichtsartikel:
S.A. Oliveria et al., Sun exposure and risk of melanoma, Archives of Disease in Childhood, 2006; 91:2, 131-138