Solarium – ist Vitamin D Bildung möglich?

Behauptung:

Von einigen Dermatologen und Strahlenschützern – in den Medien ständig wiederholt – wird die Wirksamkeit der künstlichen Besonnung in Solarien für die Vitamin D-Bildung bestritten. Die Argumente:

  • Solarien strahlen fast nur UV-A Strahlen ab. Vitamin D-Synthese ist aber auf UV-B Strahlen angewiesen.
  • Ausreichend Vitamin D bildet der Körper bereits, wenn Gesicht und Unterarme pro Tag 10-15 Minuten dem Tageslicht ausgesetzt werden – selbst an Tagen ohne Sonne und selbst im Winter.
  • Der Körper ist zudem in der Lage, für die Wintertage einen ausreichenden Vorrat an Vitamin D anzulegen.
  • Vitamin D in ausreichenden Mengen kann auch über orale Darreichung und Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden.

Sonnen führt nicht zu Melanom - Foto: fotolia.com
Sonnen führt nicht zu Melanom – Foto: fotolia.com

Tatsache: Solarium-Strahlung kann Vitamin D bilden

Die oben genannten Argumente sind falsch und teilweise abstrus: Im “Vitamin D-Winter” kann in unseren Breiten die Sonne normalerweise kein Vitamin D in der Haut bilden und die im Fettgewebe gespeicherten “Vorräte” haben eine zu kurze “Halbwertszeit”, um die Winterzeit zu überbrücken. Dagegen kann eine regelmäßige Besonnung in modernen, handelsüblichen Solarien, die auch UV-B Strahlung emittieren, – weit unterhalb der Sonnenbrand-Schwelle – die Vitamin D-Synthese in der Haut für eine ausreichende, ganzjährige Versorgung anstoßen – wie inzwischen durch zahlreiche Studien belegt wurde (s. unten eine Liste der wichtigsten Studien dazu).

1. Vitamin D-Defizit mit Folgen

Für den notwendigen Stand der Vitamin D-Versorgung sind inzwischen Normwerte wissenschaftlich definiert. Dieser Stand wird in bestimmten Breiten, in bestimmten Regionen und bei bestimmten Lebensgewohnheiten, vor allem in modernen Leistungsgesellschaften, nicht mehr erreicht. Die Folgen für die Gesundheit und die Prävention vieler Krankheiten sind gravierend.

Ohne jede Sonnenbestrahlung (UV-B) müsste der Mensch nach neuesten Forschungen etwa 1.000-4.000 Internationale Einheiten (IE) pro Tag über die Nahrung oder medikamentös zu sich nehmen. Das entspräche etwa 40 Glas Milch pro Tag. Auch eine Vitamin D-Anreicherung von Lebensmitteln wie Milch oder Frühstücksflocken kann die Lücke nicht schließen. Allerdings sind heute Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, die eine ausreichende Supplementierung zulassen.

2. Optimaler Vitamin-D Spiegel eher bei Lebensbedingungen wie in der Steinzeit

In Ländern nördlicher Breite (z.B. Mitteleuropa und Nordeuropa) sowie in Ländern, in denen für Frauen die vollkommene Verhüllung des Körpers Vorschrift ist, haben viele Studien einen verbreiteten Mangel an Vitamin D „in epidemischen Ausmaßen“ festgestellt. Eine ausreichender Vitamin D-Spiegel liegt nach  gegenwärtigem wissenschaftlichem Stand bei einem 25-Hydroxyvitamin D-Pegel – 25(OH)D – im Blut von mindestens 32 ng/ml (75 nmol/l) . Insbesondere bei älteren Menschen muss auf einen guten bis sehr guten Vitamin D-Spiegel geachtet werden.

Für die therapeutische Wirksamkeit werden von einigen Wissenschaftlern sogar Werte von bis zu 75 ng/ml (knapp 190 nmol/l) empfohlen. Für den Erhalt eines ausreichenden Vitamin D-Spiegels im Blut auch während der sonnenarmen Zeit wird eine tägliche Dosis von mindestens 800 – 1.000 IE (Internationale Einheiten), bei Risikogruppen 2.000 bis 4.000 IE/Tag und mehr empfohlen. (Zum Vergleich bildet die Haut im Laufe eines zwanzigminütigen Sonnenbads bei bloßem Oberkörper im Sommer etwa 20.000 Einheiten – je nach Hauttyp, Tageszeit, Bewölkung, Höhenlage etc.).

Über zig-tausende von Jahren haben die Menschen bei der Jagd und der Arbeit im Freien sehr viel mehr Sonne und damit Vitamin D3 “getankt”. Die Evolution hatte inzwischen nicht ausreichend Zeit, um den Menschen und seinen Vitamin D-Bedarf an die moderne Lebensweise anzupassen mit nur kurzzeitigem Sonnen-Aufenthalt – zumal mit bedeckter Haut – einerseits und die plötzliche, unvorbereitete Dauerbestrahlung in den Ferienwochen andererseits.

3. Strahlenintensität der natürlichen Sonne reicht im “Vitamin D-Winter” nicht aus

downloadUV-B-Strahlen führen erst ab einer bestimmten Intensität zur Produktion von Vitamin D im Körper. Diese Intensität wird an einem Wintertag etwa in Mittel- oder Nordeuropa (z.B. auf dem 51 Grad nördlicher Breite in Deutschland) normalerweise nicht erreicht. Im sog. „Vitamin D-Winter“, der je nach Breitengrad, Höhe, Arbeits- und Lebensgewohnheiten, Ozonschicht etc. von Oktober bis März/April dauern kann, reicht die UV-Bestrahlung der Haut nicht für die Produktion von ausreichend Vitamin D3 im Körper (Vitamin D-Spiegel).

4. Die “Kosten” des Vitamin D-Mangels

Der „epidemische“ Vitamin D-Mangel in bestimmten Gegenden, bei bestimmten Bevölkerungsschichten und unter bestimmten kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen führt zu gesundheitlichen Schäden, die die Gesundheitsbudgets der Sozialsysteme in den betroffenen Ländern stark belasten. Für die USA haben Studien errechnet, dass die „Kosten des Vitamin D-Mangels“ etwa das 10 fache der Kosten ausmacht, die durch UV-Schäden bei unsachgemäßer Nutzung der Sonnenstrahlen/Solarien entstehen. (s. unten Grant et al. – Grant hat errechnet, dass allein in den USA 45.000 Krebstote pro Jahr auf einen Vitamin D-Mangel zurückzuführen sind – ein Vielfaches der Todesfälle durch “schwarzen Hautkrebs”, Melanom)

5. Undifferenzierte Warnung vor der Sonne verschlimmert die Situation

Als einer der Gründe für den verbreiteten Vitamin D-Mangel wird die übertriebene Warnung vor jeder Form der Besonnung festgestellt. Bei den empfohlenen Sonnenschutzmaßnahmen bei jedem Aufenthalt im Freien, z.B. Eincremen mit Sonnenschutzmitteln von SF 20 wird die Produktion von Vitamin D im Körper um etwa 95-99% reduziert.

Viele medizinische Gesellschaften und Gesundheitsorganisationen, selbst das Cancer Council Australia, haben daher ihre Empfehlungen für den Aufenthalt an der Sonne und im Solarium in den letzten Jahren revidiert.

6. Unsinnige Rezepte

Das Argument, schon 10-15 Minuten sonnenloses Licht an Gesicht und Armen produziere ausreichende Mengen an Vitamin D im Körper ist gleich aus mehreren Gründen falsch:

  • Die Leitlinien der Fachverbände (z.B. Osteologen, http://www.dvosteologie.org) verlangen einen täglichen Aufenthalt im Freien bei Tages-/Sonnenlicht von mindestens 30 Minuten zur Mittagszeit.
  • Nicht jeder Mensch setzt im Winter und zur Mittagszeit 10 Minuten lang Gesicht, Hände und Arme der Sonne aus – und wenn er es täte, wäre es in unseren Breiten wirkungslos.
  • Die tägliche Besonnung an der freien Luft wird nur in seltenen Fällen eingehalten.
  • Die notwendige Strahlungsintensität für die Produktion der täglich notwendigen Vitamin D Dosis von mindestens 1.000 IE wird bei 15 Minuten Gesicht und Armen selbst in der prallen Wintersonne nicht erreicht, geschweige denn bei diesigem oder bedecktem Himmel. Tatsächlich wird in unseren Breitengraden von Oktober bis März in der Regel nahezu kein Vitamin D durch natürliche Sonneneinstrahlung über die Haut gebildet (s. die Berechnungen von Engelsen et al.)
  • Die im Sommer „eingelagerten“ Reserven an Vitamin D reichen in keinem Fall für die gesamte „dunkle“ Jahreszeit aus. Im März etwa liegt in Deutschland nach Studien der Vitamin D-Spiegel bei durchschnittlichen 25 Prozent der Normal-Höhe.

7. Der UV-A/UV-B-Mix der modernen Solarien fördert die Vitamin D-Bildung

Moderne Solarien verfügen über einen ausgewogenen UV-A/UV-B-Mix (und können je nach Bräunungsziel eingesetzt werden), der der Zusammensetzung der natürlichen Sonnenstrahlen bei vielen Geräten ähnlich ist. Die Strahlungsstärke entspricht mit 0,3 W/m² genau der Mittagssonne in südlichen Ländern. Entsprechend kann die UV-Bestrahlung in Sonnenbänken in gleicher Weise die Vitamin-D-Synthese anstoßen.

Wissenschaftliche Studien haben dementsprechende Wirkungen auf die Vitamin D-Synthese beim Gebrauch der Sonnenbank nachgewiesen (s. unten Liste der wichtigsten Studien).

8. Die Vitamin D Synthese verläuft unterschiedlich bei oraler Supplementierung und Aufnahme über die Haut

Die Vitamin D-Synthese zwischen oral verabreichter Dosis und über UV-Strahlung in der Haut angestoßener Synthese verlaufen unterschiedlich und produzieren unterschiedliche Ergebnisse. In anderen Worten: Das oral eingenommene Vitamin D ist nicht das gleiche mit gleichen Wirkungen wie das UV-induzierte (s.u. Lucas, Ponsonby 2006) kann dieses also nicht vollständig ersetzen.

Quellen

Nachweise der Effektivität von Solarien und künstlicher Besonnung für die Vitamin D-Synthese:

Lagunova Z, Porojnicu AC, Aksnes L, Holick MF, Iani V, Bruland OS, Moan J., Effect of vitamin D supplementation and ultraviolet B exposure on serum 25-hydroxyvitamin D concentrations in healthy volunteers: a randomized, crossover clinical trial, British Journal of Dermatology August 2013,169(2):434-40

T. Orlova T, J. Moan, Z. Lagunova, L. Aksnes, I. Terenetskaya, A. Juzeniene, Increase in serum 25-hydroxyvitamin-D3 in humans after sunbed exposures compared to previtamin D3 synthesis in vitro, J Photochem Photobiol B, Mai 2013 5/122: 32-36

J. Moan et al., Sunbeds as vitamin D sources, Photochem Photobiol. 2009, 85(6):1474-9

J. Moan et al., Vitamin D, sun, sunbeds and health, Public Health Nutr., 2012, 15(4):711-15

E. Thieden et al., Sunbed radiation provokes cutaneous vitamin D synthesis in humans–a randomized controlled trial, Photochem Photobiol. Sci., 2008, 84(6):1487-92

Michael F. Holick, Tai C. Chen, Zhiren Lu, Edward Sauter, Vitamin D and Skin Physiology: A D-Lightful Story,Journal of Bone and Mineral Research, December 2007:22:V28-V33

Alina Carmen Porojnicua et al., Sun beds and cod liver oil as vitamin D sources, Journal of Photochemistry and Photobiology B: Biology, Mai 2008, 91(2–3), 125–131

V. Tangpricha , A. Turner , C. Spina , S. Decastro , T.Chen , M.F. Holick , Tanning is associated with optimal vitamin D status (serum 25-hydroxyvitamin D concentration) and higher bone mineral density, American Journal of Clinical Nutrition, Dez. 2004, 80 (6), 1645-1649

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F.R. de Gruijl, S. Pavel, The effects of a mid-winter 8-week course of sub-sunburn sunbed exposures on tanning, vitamin D status and colds, Photochem Photobiol Sci., 2012 Dec;11(12):1848-54