Faktencheck – erhöht Vitamin D die Krebssterblichkeit?

Hunderte von Studien sowie anerkannte Fachorganisationen, darunter das Deutsche Krebsforschungszentrum, haben in den letzten Jahren zweifelsfrei nachgewiesen, dass Vitamin D einen günstigen Einfluss auf die Krebssterblichkeit hat.
Doch eine australische Studie (D-Health-Studie) aus dem Jahr 2022 kommt angeblich zu einem gegenteiligen Ergebnis und wird von Vitamin-D-Kritikern unkritisch zitiert. Der renommierte Molekulargenetiker Dr. med. Nehls deckt in diesem Newsletter diesen fatalen Irrtum auf und erklärt, wie es dazu kommen konnte.

Privatdozent Dr. med. Michael Nehls ist Arzt und habilitierter Molekulargenetiker mit Schwerpunkt Immunologie. Als Grundlagenforscher hat er an deutschen und internationalen Forschungseinrichtungen die genetischen Ursachen verschiedener Erbkrankheiten entschlüsselt.
Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus seiner aktuellen Analyse zum Thema Krebssterblichkeit. Den vollständigen Artikel verlinken wir weiter unten.


Ein gut funktionierendes Immunsystem schützt uns nicht nur vor eindringenden Viren oder Bakterien, sondern auch vor Krebszellen. Da in unserem Körper jede Sekunde Millionen neuer Zellen entstehen, kommt es aufgrund von Kopierfehlern bei der Verdoppelung des Erbguts immer wieder zu Mutationen, von denen einige der Ausgangspunkt für die Entstehung von Krebs sein können. Ein Vitamin-D-Mangel stört die Immunüberwachung auch dabei, Krebszellen zu erkennen und zu eliminieren, bevor sie Schaden anrichten können. Daraus ergibt sich, dass ein Mangel an diesem Vitamin ein gravierendes Problem darstellt. Diese biologische Logik wurde in zahlreichen Studien bestätigt: Behebt man den Vitamin-D-Mangel, sinkt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, und es steigen die Chancen, einen bereits entstandenen Krebs doch noch zu besiegen.


Ein lebensgefährlicher Irrtum

Der am 31. Oktober 2023 vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) veröffentlichte Artikel „Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D – sinnvoll oder überflüssig? weist auf einen Widerspruch hin. Darin wird festgestellt, dass es von der Art der Intervention abhängt, wie hoch das Risiko ausfällt, an einer bereits vorliegenden Krebserkrankung zu sterben: „Im Rahmen einer Studie, in der Teilnehmende langfristig eine tägliche Gabe von Vitamin D (2.000 I.E. bzw. 50 μg pro Tag) erhielten, wurde eine geringere Sterberate an Krebs beobachtet [minus 17 Prozent in der sogenannten VITAL-Studie][1], während in der hier diskutierten D-Health-Studie][2] im Zuge langfristiger monatlicher hochdosierter Bolus-Gaben (60.000 I.E. bzw. 1.500 μg Vitamin D pro Monat) das Risiko leicht erhöht war.

So fanden Wissenschaftler des DKFZ in einer weiteren Metaanalyse heraus, dass das „Sonnenvitamin“ die Krebsmortalität zwar signifikant senke, „allerdings nicht, wenn hoch dosierte Bolusgaben in größeren Zeitabständen verabreicht wurden“, wie die DAK darüber in ihrem Artikel „Vitamin D – nur die tägliche Einnahme reduziert die Krebsmortalität“ berichtet [3].

Vitamin D reduziert die Sterblichkeitsrate bei Krebs, sofern die Verabreichung des Sonnenhormons täglich und nicht monatlich stattfindet.


D-Health-Studie orientiert sich nicht an Realität, kann diese nicht abbilden

Die hohe Dosierung von 60.000 I.E. in großen monatlichen Abständen führt zu starken Schwankungen des Vitamin-D-Spiegels, was einer kontinuierlichen Immunüberwachung sicherlich nicht zuträglich ist. Diese Schwankungen sind völlig unnatürlich, schließlich haben wir entweder in Äquatornähe ganzjährig eine weitgehend regelmäßige tägliche Vitamin-D-Produktion über die Haut oder im hohen Norden (Inuit) eine ebenso regelmäßige Vitamin-D-Zufuhr über Fisch. In den geografischen Gebieten dazwischen, wie bspw. hier in Deutschland, leben die Gesundheitsbewussten meist eine Kombination aus beidem: Sonne im Sommer plus Nahrungsergänzung, da von der Menge an Fisch, die man zur Deckung des Bedarfs zu sich nehmen müsste, in allen anderen Jahreszeiten abzuraten ist. Sicher ist aber, dass wir in keinem natürlichen Szenario einmal im Monat eine riesige Dosis zu uns nehmen würden und dazwischen völlig pausieren – stellen Sie sich nur vor, jemand würde die Auswirkungen von Wasser auf den Organismus testen, indem er eine Monatsration davon an einem Tag verabreicht, um dann die Effekte zu protokollieren. Diese offensichtliche Störung der Homöostase, also eines ausgewogenen Gleichgewichts geregelter hormoneller Wechselwirkungen bildet keine natürliche Zufuhr ab. Dies könnte sogar erklären, warum eine solche Verabreichungshäufigkeit von extrem hoch dosiertem Vitamin D in großen Abständen eher schadet als nützt (es könnte zu vielfältigen Anpassungen bis hin zur Resistenz gegen Vitamin D führen, wie man es auch vom Hormon Insulin oder vom Typ 2 Diabetiker kennt).

Zweifellos handelt es sich jedoch um eine schlecht konzipierte Studie, aus der keine verwertbaren Schlüsse für die Alltagsrealität gezogen werden können.


Weitere grobe Mängel am Studiendesign

Es lohnt sich dennoch, einen genaueren Blick auf die Hintergründe zu werfen, finden sich doch noch mehr Auffälligkeiten. Für die D-Health-Studie wurden mehr als zwanzigtausend Australier im Alter von 60 Jahren und älter nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen mit jeweils etwas mehr als zehntausend Teilnehmern eingeteilt. Die Interventionsgruppe erhielt über einen Zeitraum von fünf Jahren einmal monatlich eine orale Gelkapsel mit 60.000 I.E. Vitamin D3, die Kontrollgruppe ein Placebo. Das Ergebnis war irritierend, denn während die Sterblichkeit an anderen Ursachen in der Vitamin-D-Gruppe um durchschnittlich 17 Prozent reduziert war (allerdings mit einer großen Streubreite von minus 35 Prozent bis plus 7 Prozent), zeigten die Zahlen eine erhöhte durchschnittliche Krebssterblichkeit von 15 Prozent, allerdings ebenfalls mit einer großen Streubreite.

Absolute Zahlen sprechen Bände

Um diese Zahlen ins rechte Licht zu rücken, stellte ein australisches Team von Krebsexperten Folgendes fest:

„In den ersten fünf Jahren der Studie (2014-18) wurden in der Vitamin-D-Gruppe mit 180 Krebstodesfällen sechs mehr registriert als in der Placebo-Gruppe (174) [2].“ Es handelt sich also um marginale Unterschiede, auf denen dieses Ergebnis beruht.

Zudem fehlte von den insgesamt 1.100 Todesfällen, die während des Studienzeitraums auftraten, bei 211 Todesfällen die zugrunde liegende Todesursache. Laut den Krebsexperten sei jedoch aufgrund der großen Zahl unklarer Todesursachen nicht völlig auszuschließen, dass bestimmte Krebsarten in der Placebogruppe öfter aufgetreten sein könnten, die naturgemäß seltener als Todesursache auffallen bzw. schwieriger festzustellen sind, was „zu einer Verzerrung der Ergebnisse zur Krebsmortalität geführt haben“ könnte, und somit ebenfalls dieses unerwartete Resultat erklären könnte. Schlussfolgerungen zur Krebsmortalität hätten daher ihrer Meinung nach bis zur vollständigen Klärung aller Todesursachen zurückgestellt werden sollen.

Vitamin-D-Spiegel modelliert anstatt gemessen

Die britische Vitamin-D-Spezialistin Inez Schoenmakers gab in einem weiteren kritischen Artikel zur D-Health-Studie darüber hinaus zu bedenken, dass die Untersuchung des Vitamin-D-Status nicht bei allen Probanden stattfand, „sondern nur eine Modellrechnung aus den Werten von Blutproben, die bei einer Untergruppe der Placebogruppe gesammelt wurden, mit einer mittleren 25(OH)D-Konzentration von 77±25 nmol/L (= 30,8 ng/ml) [4].“
Gehen wir davon aus, dass die Stichproben bzw. die Hochrechnung die tatsächlichen Verhältnisse wiedergibt, dann lag von vornherein kein signifikanter Vitamin-D-Mangel vor; im Gegenteil, die Werte könnten bei der Bolusgabe von einmal 60.000 I.E. pro Monat nicht nur heftig geschwankt haben, sondern auch für extrem hohe Werte gesorgt haben, was einer gesunden Immunregulation sicherlich nicht zuträglich ist. „Dies könnte die Ergebnisse der Studie beeinflusst haben“, bestätigt auch Schoenmakers in ihrer Kritik.


Selbst Studienautoren hegen Zweifel

Selbst die Autoren der D-Healths-Studie äußern angesichts der Tatsache, dass andere Studien mit einem natürlicheren Dosierungsschema zu einem gegenteiligen (und erwartbaren) Ergebnis kommen, die vorsichtige Vermutung, dass das unerwartete Ergebnis vielleicht nur auf die ungewöhnliche Strategie zurückzuführen sein könnte, nur einmal monatlich eine sehr hoch dosierte Supplementierung durchzuführen: „Bis weitere Erkenntnisse vorliegen, ist dieses Dosierungsschema nach dem Vorsorgeprinzip für Menschen mit Vitamin-D-Mangel möglicherweise nicht geeignet.“


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Fazit (SonnenAllianz): Das Studiendesign der D-Health-Studie beinhaltet praktisch alle groben Fehler, die wir bei derartigen Ergebnissen immer wieder finden. Deshalb haben wir bereits vor Jahren einen Artikel erstellt, in dem wir auf derartige Fehlkonstruktionen im Studiendesign hinweisen. Klicken Sie hier um den Artikel aufzurufen.
Die D-Health-Studie ist daher in keinster Weise geeignet, um Rückschlüsse über Vitamin D und die Auswirkung auf die Krebssterblichkeit zu ziehen.

 

Quellenangabe:

  1. Manson JE et al: VITAL Research Group. Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease. N Engl J Med 2019, 380:33-44. doi: 10.1056/NEJMoa1809944.
  2. Neale, R. E., Baxter, C., Romero, B. D., McLeod, D. S. A., English, D. R., Armstrong, B. K., Ebeling, P. R., Härtel, G., Kimlin, M. G., O’Connell, R., Van Der Pols, J. C., Venn, A., Webb, P. M., Whiteman, D. C. & Waterhouse, M. (2022). The D-Health Trial: a randomised controlled trial of the effect of vitamin D on mortality. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 10(2), 120–128. https://doi.org/10.1016/s2213-8587(21)00345-4
  3. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2023/06/02/vitamin-d-nur-die-taegliche-einnahme-reduziert-die-krebsmortalitaet
  4. Schoenmakers I: Vitamin D supplementation and mortality. Lancet Diabetes Endocrinol 2022, 10:88-90, doi: 10.1016/S2213-8587(22)00002-X.

Quellenangaben Bildmaterial:

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