Sonnenlicht: Gesundheitsfördernde Wirkung abseits vom Vitamin D

Verschiedene Krankheiten der menschlichen Haut, wie Schuppenflechte, atopische Dermatitis, Neurodermitis und lokalisierte Sklerodermie können ‒ unabhängig von der Vitamin D-Synthese ‒ mit Sonnenstrahlung (Heliotherapie) oder künstlicher UV-Strahlung (Phototherapie) behandelt werden. Eine UV-Exposition kann zudem die klinischen Symptome der Multiplen Sklerose unterdrücken, den Blutdruck senken und wirkt sich allgemein positiv auf die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems aus.

Die positiven Auswirkungen der Sonne abseits vom Vitamin D

Jeder kennt es: Wenn nach trüben Tagen die Sonne wieder scheint, haben Sonnenstrahlen eine überragende Wirkung auf unser Wohlbefinden und unsere physische sowie psychische Gesundheit! Die wirkungs- und energiereichsten Strahlen der Sonne sind die ultravioletten Strahlen (UV-Strahlen) in einer Wellenlänge zwischen 100 – 380 Nanometer. Das UV-Licht ist für das menschliche Auge unsichtbar. Beim Auftreffen auf die menschliche Haut haben sie unterschiedlichste Wirkungen abseits der Vitamin D-Produktion, auf die wir hier näher eingehen.


Der Artikel in Kürze:

› Serotonin- und Melatoninhaushalt ausgleichen mit Tageslicht

› Depressionen und Gemütsschwankungen

› Krebsfaktoren: Sonnenlicht, Melatonin und der Tag-Nacht-Rythmus

› Blutdrucksenker UVA-Strahlung

› Dermatologische Anwendungen – die Phototherapie

› Multiple Sklerose: UV-Strahlung hilft

› Schmerzen lindern durch UV-Bestrahlung


Tageslicht sorgt für einen ausgeglichenen Serotonin- und Melatoninhaushalt

Eine der wichtigen, aber vielleicht zu wenig anerkannten und bekannten Rollen des Sonnenlichts ist die Regulierung des zirkadianen Rhythmus. Das in der Zirbeldrüse produzierte Melatonin ist ein wichtiger Schrittmacher für viele zirkadianen Rhythmen des Körpers. Es spielt auch eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Infektionen, Entzündungen, Krebs und Autoimmunität und unterdrückt UV-strahlungsinduzierte Hautschäden (1).

Als tagaktive Lebewesen sind wir Menschen darauf programmiert, draußen zu sein während die Sonne scheint und nachts im Dunklen zu schlafen. Aus diesem Grund wird Melatonin in den dunklen Stunden produziert und stoppt dies bei optischer Einwirkung von Tageslicht. Auch der Melatonin-Vorläufer, Serotonin, ist von der Tageslichtexposition abhänigig. Normalerweise wird Serotonin tagsüber produziert und nur bei Dunkelheit in Melatonin umgewandelt. Während hohe Melatoninwerte langen Nächten und kurzen Tagen entsprechen, spiegeln hohe Serotoninwerte in Anwesenheit von Melatonin kurze Nächte und lange Tage (d.h. längere UV-Exposition) wider. Mäßig hohe Serotoninwerte führen zu positiveren Stimmungen und einer ruhigen, aber konzentrierten mentalen Einstellung.

Licht synchronisiert die Schlaf-wach-Rhythmen von Säugetieren mit der Zeit in ihrer Umwelt, indem über den Netzhaut-Einfall der zirkadiane Schrittmacher beeinflusst wird – der sogenannte suprachiasmatische Kern (SCN) des Hypothalamus. In einer Studie (2) aus dem Jahr 2002 zeigen Forscher, dass die retinalen Ganglienzellen, die die Modulation des SCN induzieren, intrinsisch lichtempfindlich sind. Im Gegensatz zu anderen Ganglienzellen depolarisierten sie als Reaktion auf Licht, selbst wenn alle synaptischen Eingaben von Stäbchen und Zapfen aus den Augen blockiert waren. Die Empfindlichkeit, die spektrale Abstimmung und die langsame Kinetik dieser Lichtreaktion deutet darauf hin, dass diese Ganglienzellen die primären Photorezeptoren für diese Regelung sein könnten.

Wenn die Menschen morgens dem Sonnenlicht oder sehr hellem Kunstlicht ausgesetzt sind, tritt ihre nächtliche Melatoninproduktion früher ein, und sie gehen nachts leichter in den Schlaf. Denn der blaue Lichtanteil der Sonne bzw. des Kunstlichtes (420-460 nm),  unterdrückt die Melatonin-Produktion (3) und beeinflusst so den zirkadianen Rhythmus. Ein Spaziergang am frühen Morgen und/oder am späten Nachmittag hilft, den zirkadianen Rhythmus synchron zu halten. Zu viel blaues Licht in der Nacht, z.B. von Computer- und Fernsehbildschirmen, stört die Melatoninproduktion signifikant und führt zu verzögertem Einschlafen und generellen Schlafstörungen. Schlafprobleme sind vorprogrammiert und die Entwicklung chronischer Krankheiten wird begünstigt.

Die Melatoninproduktion spiegelt auch die jahreszeitliche Schwankung der Lichtverfügbarkeit, wobei das Hormon im Winter länger als im Sommer produziert wird. Die Melatonin-Rhythmus-Phasenverschiebung, die durch die Exposition gegenüber hellem Morgenlicht hervorgerufen wird, ist wirksam gegen Schlaflosigkeit, prämenstruelles Syndrom und Winterdepression, auch saisonale affektive Störungen (SAD) genannt.

„Mit unserer modernen Vorliebe für Indoor-Aktivitäten und dem Verbleiben weit über die Dämmerung hinaus ist die nächtliche Melatoninproduktion typischerweise alles andere als robust. Das Licht, das wir von draußen an einem Sommertag bekommen, kann tausendmal heller sein, als wir es jemals in Innenräumen erleben werden“, sagt der Melatonin-Forscher Russel J. Reiter vom University of Texas Health Science Center. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Menschen, die in Innenräumen arbeiten, regelmäßig nach draußen gehen und dass wir alle versuchen, in völliger Dunkelheit zu schlafen. Dies kann einen großen Einfluss auf den Melatonin-Rhythmus haben und zu einer Verbesserung der Stimmung, Energie und Schlafqualität führen.

Für Menschen in Berufen, in denen die Sonneneinstrahlung begrenzt ist, kann eine Vollspektrum-Beleuchtung sehr hilfreich sein. Sonnenbrillen können den Zugang der Augen zum vollen Sonnenlicht weiter einschränken und dadurch den Melatonin-Rhythmus verändern. Wenn man bei Tageslicht, auch nur für 10-15 Minuten, schattenfrei geht, kann dies erhebliche gesundheitliche Vorteile mit sich bringen.


Gemütsschwankungen und Depressionen

Umfangreich untersucht und aussagekräftig ist das Auftreten von saisonalen affektiven Störungen (auch „SAD“,  Seasonal Affective Disorder) . Darunter versteht man eine wiederkehrende schwere depressive Störung mit einem saisonalen Muster, das normalerweise im Herbst beginnt und bis in die Wintermonate andauert. Seltener verursacht SAD Depressionen im Frühjahr oder Frühsommer. Die Symptome konzentrieren sich auf traurige Stimmung und niedrige Energie. Diejenigen, die am meisten gefährdet sind, sind weiblich, jünger, leben weit vom Äquator entfernt und haben Familiengeschichten von Depressionen, bipolaren Störungen oder SAD (4). Eine mildere Form von SAD,  in der Literatur auch S-SAD [Subsyndromal Seasonal Affective Disorder) genannt, wird im allgemeinen Sprachgebrauch als „Winterblues“ bezeichnet.

Da man weiß, dass SAD und S-SAD durch vermindertes Tageslicht ausgelöst werden kann, haben Ansätze, die darauf abzielen, die verminderte Sonneneinstrahlung durch helles künstliches Licht zu ersetzen, insbesondere am Morgen, durchweg vielversprechende Ergebnisse erbracht. Die Lichttherapie wird auch als Bright Light Therapy oder Phototherapie bezeichnet.

Eine Lichttherapie lässt sich übrigens nicht mit Solarien durchführen, da diese vornehmlich auf die Ausstrahlung von UV-Strahlen zur Bräunung ausgerichtet sind und die Vitamin D-Bildung fördern, sofern ein UVB-Anteil sichergestellt ist.


Krebsfaktoren: Sonnenlicht, Melatonin und der Tag-Nacht-Rythmus

Es ist bereits seit längerer Zeit bekannt, dass Schichtarbeiter häufiger an bösartigen Tumoren erkranken. Die Wissenschaftler Bhatti et al. (5,6) suchten nach der Ursache für dieses Phänomen. In ihrer 2016 veröffentlichten Studie stellte sich heraus, dass Nachtschichtarbeiter deutlich geringere Mengen eines Stoffwechselproduktes (8-OH-dG) über ihren Urin ausscheiden, wenn sie tagsüber schlafen (23% weniger im Vergleich zu ihrem eigenen Nachtschlaf und 17% weniger im Vergleich zum Nachtschlaf von Personen, die nicht in Nachtschicht arbeiten).

8-OH-dG ist ein durch freie Radikale veränderter Baustein der DNA, der von Reparaturenzymen durch intaktes DNA-Material ersetzt wird. Wird 8-OH-dG im Urin nachgewiesen, so weist dies auf eine erfolgreiche DNA-Reparatur hin. Die geringere 8-OH-dg-Ausscheidung der Nachtschichtarbeiter deutet also darauf hin, dass der DNA-Reparaturmechanismus während des Tagschlafs eingeschränkt ist und somit zu vermehrten oxidativen DNA-Schäden führen kann.

Das Forscherteam um Bhatti vermutet, dass die Ursache für die verringerte DNA-Reparatur beim Melatonin liegt:

DNA-Reparatur durch Melatonin

Melatonin, steuert nicht nur den Tag-Nacht-Rhythmus sondern wirkt darüber hinaus  auch antioxidativ, d.h. es deaktiviert freie Radikale. Jedoch wird die Produktion des Hormons durch Licht gehemmt (insbesondere durch den hohen Blauanteil im Sonnenlicht). Durch eine verminderte Melatoninkonzentration beim Tagschlaf können Nachtschichtarbeiter somit weniger von Melatonin als Radikalfänger profitieren.

In ihrer kürzlich publizierten zweiten Studie (2017) verglichen Bhatti et al. die nächtliche 8-OH-dG-Ausscheidung beim Nachtschlaf mit der Ausscheidung bei Nachtarbeit. Auch hier zeigte sich eine enorme Differenz: Bei der Nachtarbeit wurde nur 20% der OH-dG-Ausscheidungsmenge erreicht, die beim Nachtschlaf gemessen wurde.

Zusätzlich zu der Wirkung von Vitamin D schützt also offensichtlich das Sonnenlicht und die damit verbundene lichtabhängige Melatoninproduktion die Erbsubstanz in unseren Zellen. Unser zirkadianer Rhythmus, der eine Vielzahl biologischer Funktionen steuert, orientiert sich maßgeblich am Stand der Sonne. So sorgt der natürliche Wechsel von Licht und Dunkelheit in unserem Körper für die optimale Produktion und den Einsatz von Botenstoffen, die unseren Körper gesund halten. Verschiedene Studien an Mäusen zeigten, dass eine Störung der zirkadianen Rhythmik (so beispielsweise durch einen “unnatürlichen” Schlaf-Wach-Rhythmus) Fehlfunktionen von Genen hervorrufen kann, die wiederum Krebs verursachen können (siehe hierzu den 2016 vom Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Artikel „Warum Nachtarbeit das Krebsrisiko erhöht“).

Die Wissenschaftler streben die Durchführung weiterer Studien an, um den möglicherweise vor Krebserkrankungen schützenden Effekt einer Melatonin-Supplementierung bei Nachtschichtarbeitern zu erforschen.


UVA-Strahlung senkt Blutdruck

Einen weiteren Aspekt fügt eine Studie von den Universitäten von Southampton und Edinburgh, UK, den seit langem bekannten Erkenntnissen hinzu: Sonnenlicht beeinflusst die Menge und Ausschüttung des Botenstoffs Stickoxid (nitric oxide, NO) in der Haut und den Übergang ins Blut. NO wiederum reguliert den Blutdruck, entspannt die Gefäße, senkt den Blutdruck und damit das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall.

Und einmal mehr warnen mit diesen Ergebnissen die Autoren (7) vor übertriebener „Sonnenangst“ und exzessivem Sonnenschutz.

In den Versuchen wurden 24 gesunde Frauen und Männer über zweimal 20 Minuten auf der Sonnenbank mit UV-A-Licht bestrahlt.
Ergebnis: Die UV-A-Strahlen aktivierten den Stoffwechsel der reichlich in der Oberhaut vorhandenen Stickoxide und erhöhten so den NO-Spiegel im Blut und senkten den Blutdruck, ohne den Vitamin D-Spiegel zu beeinflussen (dafür wäre eine UV-B-Bestrahlung notwendig).

Prof. Martin Feelisch, einer der Studienautoren: „Unsere Ergebnisse sind von erheblicher Bedeutung für die Diskussion um die Gesundheitswirkungen des Sonnenlichts und um die Rolle von Vitamin D in diesem Prozess. Es ist an der Zeit, die Chancen und Risiken des Sonnenlichts – auch jenseits von Vitamin D – für die menschliche Gesundheit neu zu bewerten. Es ist zweifellos notwendig, übertriebene Sonnenexposition und damit eine Hautkrebsgefahr zu vermeiden. Aber das Meiden von Besonnung aus Angst oder als Ausfluss bestimmter Lebensstile erhöht unnötig das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wir sind der Überzeugung, dass der NO-Stoffwechsel in der Haut, angestoßen von Sonnenlicht, ein wichtiger, bisher übersehener Faktor für die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems ist.“


Dermatologische Anwendungen – Phototherapie

Bereits vor mehreren tausend Jahren wurde Sonnenlicht (Heliotherapie) in Ägypten, Griechenland und Rom zur Behandlung verschiedener Hauterkrankungen eingesetzt. Damals wurde die Bedeutung der UV-Strahlung nicht erkannt, da UV-Strahlen erst 1801 entdeckt wurden. 1903 erhielt Niels Ryberg Finsen den Nobelpreis „in Anerkennung seines Beitrags zur Behandlung von Krankheiten, insbesondere von Lupus vulgaris, mit konzentrierter Lichtstrahlung, wodurch er einen neuen Weg für die medizinische Wissenschaft eröffnet hat“.

In unseren Tagen ist die Phototherapie eine wertvolle Option in der Behandlung vieler psoriatischer und nicht-psoriatischer Erkrankungen, einschließlich atopischer Dermatitis, sklerosierender Hauterkrankungen wie Morphea, Sklerodermie, Vitiligo und Mykose fungoides. Die Phototherapie umfasst somit die Behandlung bestimmter Hauterkrankungen mit UV-Strahlung, die von der Sonne erzeugt werden kann oder von Leuchtstofflampen, sowie Kurzbogenlampen mit UV-Filtern und Lasern.


Multiple Sklerose und UV-Strahlung

Auch bei der Multiplen Sklerose werden inzwischen Vitamin D-unabhängige positive Wirkungen von UV-Strahlung auf das Immunsystem vermutet. Die Exposition gegenüber ultravioletter Strahlung kann somit zu einer Immuntoleranz führen, die für MS vorteilhaft ist, und zwar durch die Hochregulation von regulatorischen T- und B-zellen, erhöhte cis-Urocaninsäurewerte (8), Veränderungen im Zellsignalaustausch mit dendritischen Zellen sowie die Freisetzung einer Reihe anderer Zytokine und Chemokine.


Schmerzen lindern durch UV-Bestrahlung

Sonnenbäder oder Solarien haben Potenzial, Schmerzen bei Patienten mit Fibromyalgie zu lindern.

Larisa Birta - Foto: unsplash.com
UV-Strahlung wirkt schmerzlindernd

Patienten mit dem chronischen Schmerzzustand Fibromyalgie, hatten in einer Pilotstudie an der indischen Medizinischen Universität von Gujarat, eine größere kurzfristige Abnahme der Schmerzen nach der UV-Bestrahlung im Vergleich zur Nicht-UV-Bestrahlung berichtet (9). Dabei wurden die Häufigkeit von Kopfschmerz, Migräne und Fibromyalgie in Regionen mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung und damit unterschiedlichen Vitamin D-Werten in der Bevölkerung verglichen.

Ergebnis in Kürze: Je sonniger, desto weniger Schmerzen.

In einem Experiment mit UV-Bestrahlung von Fibromyalgie-Patienten auf einer handelsüblichen Sonnenbank erzielten im gleichen Jahr Wissenschaftler der US-Universität von Wake Forest erstaunliche Erfolge im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die auch auf der Sonnenbank aber ohne UV-Anteile behandelt wurde. Schon nach den ersten zwei Wochen zeigte sich nicht nur eine Verbesserung der Schmerzen sondern auch ein fast dreifach besseres Allgemeinbefinden und eine entspanntere, aufgehellte Stimmungslage bei den Teilnehmern mit UV-Bestrahlung gegenüber den Teilnehmern, die ohne UV bestrahlt worden waren.

Die darauf folgenden sechs Wochen mit UV-Bestrahlungen auf der Sonnenbank führten zu einer weiteren – wenn auch weniger spektakulären – Linderung der Schmerzen bei den UV-bestrahlten Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe. Danach brachten weitere Bestrahlungen mit UV-Licht keine zusätzlichen Verbesserungen mehr für die UV-Gruppe.

Der Nachweis war jedoch erbracht: UV-Licht von der Sonnenbank hilft selbst gegen die hartnäckigen Schmerzen einer Fibromyalgie.


Quellen:

1. Mead, M. N. (2008, April). Benefits of sunlight: A bright spot for human health. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2290997/

2. Berson, D. M., Dunn, F. A., & Takao, M. (2002, February 08). Phototransduction by retinal ganglion cells that set the circadian clock. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11834835

3. Brainard, G. C., Sliney, D., Hanifin, J. P., Glickman, G., Byrne, B., Greeson, J. M., . . . Rollag, M. D. (2008, October). Sensitivity of the human circadian system to short-wavelength (420-nm) light. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18838601 

4. Sherri, M. (2015, November 25). Seasonal Affective Disorder: An Overview of Assessment and Treatment Approaches. Retrieved from https://www.hindawi.com/journals/drt/2015/178564/

5. Bhatti, P., Mirick, D. K., Randolph, T. W., Gong, J., Buchanan, D. T., Zhang, J. & Davis, S. (2017). Oxidative DNA damage during night shift work [Abstract]. Occupational and Environmental Medicine, 74(9), 680-683.

6. Bhatti, P., Mirick, D. K., Randolph, T. W., Gong, J., Buchanan, D. T., Zhang, J. & Davis, S. (2016). Oxidative DNA damage during sleep periods among nightshift workers [ABSTRACT]. Occupational and Environmental Medicine, 73(8), 537-544.

7. Liu, D. et al., UVA Irradiation of Human Skin Vasodilates Arterial Vasculature and Lowers Blood Pressure Independently of Nitric Oxide Synthase, Journal of Investigative Dermatology, 2014

8. Correale, J., & Farez, M. F. (2013). Modulation of multiple sclerosis by sunlight exposure: Role of cis-urocanic acid. Journal of Neuroimmunology, 261(1-2), 134-140. doi:10.1016/j.jneuroim.2013.05.014

9. Taylor, S. L., Kaur, M., LoSicco, K., Willard, J., Camacho, F., O’Rourke, K. S., & Feldman, S. R. (2009, January). Pilot study of the effect of ultraviolet light on pain and mood in fibromyalgia syndrome. Retrieved from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19769472

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Hautkrebs – ist die Sonne schuld?

Behauptung:

„Die Zunahme der Fälle von „schwarzem Hautkrebs“ (malignem Melanom) weltweit ist eine Folge der steigenden Sonnen- und Sonnenbank-Nutzung“

„90 Prozent der Hautkrebserkrankungen werden mit höchster Wahrscheinlichkeit durch zu viel Sonne verursacht.“


Sonnen führt nicht zu Melanom - Foto: fotolia.com
Sonnen führt nicht zu Melanom – Foto: fotolia.com

Tatsache: Die Dosis macht das „Gift“

Genauer: Nach derzeitigem Wissensstand gibt es zwar einen gewissen Zusammenhang zwischen  intermittierender („unvorbereitet“ in größeren Abständen und mit hoher Dosis) Sonnen- und Sonnenbank-Exposition und der Bildung von Hautkrebs. Jedoch gibt es keinen Zusammenhang oder gar einen umgekehrten Zusammenhang zwischen der Entstehung von Hautkrebs und regelmäßigem, gemäßigtem Sonnen (1).

In anderen Worten:  Unvorbereitetes Sonnenbaden in größeren Abständen – mit Sonnenbrand als unmittelbarer Folge –  führt vermutlich zu einem höheren Melanom Risiko (das natürliche Abwehrsystem des Körpers wird überfordert), während regelmäßiger Aufenthalt in der Sonne keinen Einfluss auf das Melanom-Risiko hat oder mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar das Melanom-Risiko senkt. Studien belegen in der Tat, dass eine regelmäßige Besonnung über längere Zeiträume die Gefahr reduziert, am Melanom zu sterben.

Erbliche Risikofaktoren

Wahrscheinlich ist allerdings das Zusammenwirken von übermäßiger UV-Bestrahlung mit anderen, vor allem genetisch und umweltbedingten Risikofaktoren bei der Entstehung von „schwarzem“ Hautkrebs (2). Eindeutig wird das Hautkrebs-Risiko bestimmt von genetischen Faktoren wie: Hautkrebs in der Familie, Anzahl der Muttermale (Naevi) und Sommersprossen, Hauttyp etc. Weitere Risikofaktoren sind die alternde Bevölkerung (Hautkrebs ist eine „Alterskrankheit“), Umweltverschmutzung, falsche Ernährung etc. (3).

Die Zunahme der Melanom-Fälle in den Statistiken hat auch – von den Statistikern selbst immer wieder angemerkt – s. „Krebs in Deutschland“ des RKI und Gutachten für die Bundesregierung – mit verstärkten Screenings, den verfeinerten Screening-Methoden und der modernen Diagnostik zu tun. Tatsächlich nimmt die Zahl der Todesfälle durch Melanome nicht zu sondern geht tendenziell zurück – kein Grund natürlich, in der Prävention durch Aufklärung nachzulassen.

Mehr Hautkrebs aber weniger Todesfälle

Spektakulär ist der jährliche Anstieg der Melanom-Fallzahlen weltweit – und daher von den Medien besonders gern zitiert und der Sonne pauschal „angelastet“. Dass dieser Anstieg von Faktoren beeinflusst wird, die nichts mit Sonne und Besonnung zu tun haben, wird dabei in der Regel übersehen: Bessere Diagnostik und daher häufiger und frühzeitigere Entdeckung von Melanomen, die Alterung der Bevölkerung (Melanome sind überwiegend „Alterserscheinungen“), Umwelteinflüsse, Lebensstile etc.

Die „härtere“ statistische Währung und daher der verlässlichere Hinweis auf die Bedeutung des Melanoms in den Gesundheitsstatistiken ist dagegen die Sterberate. Ohne dramatische Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten bei der Behandlung des „schwarzen Hautkrebses“ ist die Chance, die Diagnose „Melanom“ zu überleben, ständig gestiegen. Im Gegensatz zu den drastisch steigenden Fallzahlen neu diagnostizierter Melanome ist die Sterberate, also die Todesfälle pro 100.000 Einwohnern, in den meisten Ländern über die vergangenen Jahrzehnte kaum angestiegen, in etlichen Ländern gar gesunken.

Für diese Diskrepanz gibt es viele, oft allerdings spekulative, Gründe. Hier nur ein Beispiel: Eine umfassende österreichische Studie (4) aus dem Jahr 2014 stellte fest, dass einerseits die Zahl der Melanomfälle steigt, je höher der Wohn- und Aufenthaltsort der Menschen liegt, andererseits aber der Anteil der Todesfälle in größeren Höhen sinkt. In anderen Worten: Wer in den Bergen wohnt, je höher desto mehr, trägt ein größeres Risiko am „schwarzen Hautkrebs“ zu erkranken, stirbt aber sehr viel seltener daran, als ein Landsmann, der etwa auf Meereshöhe lebt.

Da die Sonne in größerer Höhe intensiver strahlt als auf Meereshöhe, wird an diesem Beispiel die „Janusköpfigkeit“ – die Wirkung der „guten“ und der „bösen“ Sonne – besonders deutlich. Die Vermutung der Wissenschaftler, dass einerseits durch die intensive UV-Bestrahlung in den Bergen die Gefahr einer Hautkrebserkrankung steigt, gleichzeitig aber durch die erhöhte Vitamin D-Bildung in der Haut die Entwicklung des Melanoms „gebremst“ wird, bleibt vorerst Spekulation (4).

Steiler Anstieg der Hautkrebsraten trotz immer weniger Aufenthalt an der Sonne

Noch vor hundert Jahren hat ein großer Teil der Menschen in den heutigen Industrieländern im Freien gearbeitet: Bauern, Gärtner, Landarbeiter, Fuhrknechte, Maurer, Dachdecker, Laufburschen, Marktfrauen, Postboten. Heute arbeitet nur noch ein Zehntel der Erwerbstätigen im Freien. Damals, als ein großer Teil des Volkes sein Arbeitsleben im Freien verbrachte, gab es so gut wie keinen Hautkrebs, selbst wenn die Zahlen mit der niedrigeren Lebenserwartung bereinigt werden.

Seit 1955 dagegen, als eine ständig wachsende Zahl von Menschen in geschlossenen Räumen arbeitete, sind die Hautkrebszahlen angestiegen. Allerdings auch der Drang der Menschen, den Sonnenmangel im Arbeitsjahr durch „Schock-Besonnung“ in den Ferien zu kompensieren, was in der Tat das Melanomrisiko erhöht.

Der weltweite Vergleich entkräftet ebenfalls die Theorie, Hautkrebs sei (vor allem) auf Sonnenlicht zurückzuführen. Man beachte die extrem niedrigen Hautkrebsraten in tropischen Ländern, in Wüstenländern wie Oman und Algerien, und besonders in tropischen Hochländern (Mexiko, Äthiopien, Kenia). Die meisten Menschen in tropischen Ländern verbringen einen großen Teil ihres Lebens im Freien. Sonnenschutzmittel sind nicht üblich. In den Hochländern der Tropen ist die UV-B-Intensität im Jahresdurchschnitt etwa zehnmal höher als in den Industrieländern.

Hautkrebs durch künstliche UV-Bestrahlung?

Die Behauptung, Sonnenlicht verursache Hautkrebs, stützt sich auf Experimente mit Versuchstieren, die starken UV-Strahlern ausgesetzt wurden. Es ist jedoch ein Fehler, diese UV-Strahler mit dem Sonnenlicht gleichzusetzen und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Spektrum
    UV-Strahler weichen in ihrer Spektralverteilung erheblich vom Sonnenspektrum ab. Unter Sonnenlicht und hellem Tageslicht waren die Tiere gesund und munter. Täglich zwölf Stunden unter dem Licht von Leuchtstoffröhren ließ sie hingegen verkümmern und früh sterben. Je nach Spektralverteilung der Lampen verkürzte sich die Lebenserwartung und halbierte sich sogar unter rosafarbenen Leuchtstoffröhren. Krebs war die häufigste Todesursache bei solch naturwidrigem Licht.
  2. Strahlungscharakteristik
    Die Sonne sendet einen gleichmäßigen Lichtstrom aus, UV-Leuchtstoffröhren hingegen gehen 100 mal in der Sekunde an und aus. 50 Hertz ergeben 50 Schwingungen in der Sekunde, damit 100 Halbwellen beziehungsweise 100 Lichtblitze.
  3. Bestrahlungsdauer und -intensität
    Wird die übliche Strahlungsdosis eines langen Zeitraums auf eine kurze Zeit konzentriert, muss die Dosisleistung in Größenordnungen gesteigert werden. Genau diesen Fehler machen ungeduldige Experimentatoren bei Tierversuchen in dem Bemühen, mittels extrem starker UV-Strahlung Hautkrebs auszulösen. Doch derartige tierquälerische Experimente lassen sich nicht auf die natürlichen Strahlungsverhältnisse übertragen.
  4. Röntgenstrahlung
    UV-Strahler und deren Vorschaltgeräte können schwache Röntgenstrahlung emittieren. Der UV-Strahlung werden in diesen Fällen Effekte zugeschrieben, die in Wahrheit auf unbeachtete Röntgenstrahlung zurückzuführen sind.
  5. Elektrische Wechselfelder
    Elektrische Wechselfelder gelten als Krebsursache und können die Gesundheit auf vielfältige Weise beeinträchtigen. Unter UV-Strahlern herrschen im Gegensatz zur Sonne elektrische Wechselfelder und zum Teil auch magnetische Wechselfelder.

Nicht die Sonne ist das Problem, sondern die UV-Strahler und die unnatürlichen Bedingungen, unter denen die Versuchstiere gehalten werden.

Experimente mit UV-Strahlern zur Ermittlung des Hautkrebsrisikos haben weitere Schwächen. Nachtaktive Nagetiere sind sonnenempfindlich. Sie sonnen sich nur in Maßen. Wird Mäusen und Ratten auch noch das Fell abrasiert, so werden sie ihres natürlichen Sonnenschutzes beraubt. Es ist kein Wunder, wenn extrem starke UV-Strahler die Haut der armen Tiere geradezu verbrennen und nach häufiger Wiederholung dieser Verbrennung Hautkrebs entstehen kann. Es ist absurd, aus solcherart Versuchen den Schluss zu ziehen, Sonnenlicht verursache bei Menschen Hautkrebs.

In einem Versuch wurden Tiere starker künstlicher UV-Bestrahlung ausgesetzt. Aufgrund des vitaminarmen Futters erkrankten 24 Prozent der Tiere an Hautkrebs. Die Tiere der anderen Gruppe erhielten zusätzlich Vitamin C und E und kein einziger Fall von Hautkrebs wurde festgestellt. Demnach kann die reichliche Zufuhr von Radikalfängern (Antioxidantien) Hautkrebs selbst bei intensiver UV-Bestrahlung vollständig verhindern. Die Ernährung entscheidet somit maßgeblich über die Hautkrebsrate und weniger die UV-Strahlung, wenn sie im natürlichen Rahmen bleibt.

Kann Sonne „schwarzen“ Hautkrebs sogar verhindern?

Studien konnten sogar nachweisen, dass die Einwirkung von UV-Strahlen die Wahrscheinlichkeit von Hautkrebsbildung deutlich senkt und die Heilungsrate von Melanoma-Erkrankungen eindeutig erhöht und die Rate der Todesfälle senkt (5). Einen Überblick über die Studien der vergangenen Jahre zum Thema „UV, Vitamin D und Hautkrebs“ finden Sie hier: Katie M. Dixon, 2013 (6). Die Autoren fassen den Wissensstand zusammen: Die durch UV-Bestrahlung der Sonne verursachten DNA-Schäden werden zu wesentlichen Teilen verhindert oder beseitigt durch das aktive Vitamin D3 (Calcitriol), das seinerseits ebenfalls durch die Sonneneinstrahlung (UV-B) gebildet wird.


Ein Zusammenhang zwischen übermäßiger (!!) ultravioletter Bestrahlung  – gleichgültig ob durch Sonne oder Solarium – und den weniger gefährlichen Hautkrebsformen, vor allem dem zweithäufigsten „weißen“ Hautkrebs, dem Stachelzellenkrebs (Spinaliom), gilt dagegen als wissenschaftlich belegt. Warnungen also vor exzessivem Sonnenbaden mit der Folge von Sonnenbränden sind unbedingt berechtigt.


Quellen:

  1. S. Gandini et al., Meta-analysis of risk factors for cutaneous melanoma: II. Sun exposure. European Journal of Cancer. 2005 Jan;41(1):45-60. („…studies supported the intermittent sun exposure hypothesis: a positive association for intermittent sun exposure and an inverse association with a high continuous pattern of sun exposure.“)
  2. Veronique Bataille, Melanoma. Shall we move away from the sun and focus more on embryogenesis, body weight and longevity? Medical Hapotheses, 24 June 2013.
  3. Veronique Bataille et al., A multicentre epidemiological study on sunbed use and cutaneous melanoma in Europe,  European Journal of Cancer. 2005 Sep;41(14):2141-9. (“Our study confirmed the expected associations between melanoma and fair skin, positive family history and numbers of naevi but did not find a significant association with exposure to the sun and/or sunbeds”)
  4. Hanns Moshammer et al., Temporal and spatial melanoma trends in Austria: an ecological study, Int J Environ Res Public Health, Januar 2014, 11(1):734-48
  5. Marianne Berwick et al., Sun Exposure and Mortality From Melanoma, Journal of the National Cancer Institute, 2005, Vol. 97/3: 195-199
  6. Katie M. Dixon et al., Vitamin D and Death by Sunshine, International Journal of Molectular Science, 2013,14, 1964-1977

Wang, L, et al. In Vitro Sensitivity to Ultraviolet B Light and skin Cancer Risk: A Case- Control Analysis. Journal of the Natonal Cancer Institute. 2005 Dec 21;97(24):1822-31. (UVB-induced mutagen sensitivity may play a role in susceptibility to NMSC but not to CMM.)

„Leitlinienprogramm Onkologie“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V., der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Deutschen Krebshilfe e. V. (Konsultationsfassung, April 2014)